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Mythos Arzt - Teil 2: Der Arzt als Alleskönner
In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist der Arzt an sich oftmals ein medizinisches Allroundtalent: Wenn er auf der Strasse den Sturz einer betagten Dame beobachtet, so ist er direkt zur Stelle, versorgt die Platzwunde, richtet den beim Sturz zugezogenen Oberschenkelhalsbruch, behandelt die dem Sturz zugrundeliegenden Herzrhythmusstörung durch Einschwemmen eines Schrittmachers und entbindet nebenbei noch eine plötzlich in den Wehen liegende Schaulustige. Danach fährt er selbstverständlich die alte Dame ins nächstgelegene Krankenhaus, führt dort eigenhändig eine Kernspintomographie sowie die anstehende Operation des Bruches durch und stellt dann den hohen Blutdruck der Patientin medikamentös neu ein.
Das die altruistischen Aspekte der oben geschilderten Kasusistik nicht ganz so zutreffend sind, wissen die meisten nicht erst seit der Erfindung von Dr. House. Doch gerade dieser Chefzyniker unter den Medizinern und sein Gefolge präsentieren sich in der gleichnamigen Fernsehserie, die übrigens zu Beginn tatsächlich unterhaltsam war und mittlerweile leider so langweilig ist, dass man sie besser absetzen sollte, als wahre Alleskönner. In der realen Welt sieht es hingegen, die meisten werden es ahnen, ganz anders aus. Tatsächlich ist die Medizin eher durch eine immer stärkere Spezialisierung geprägt. Nicht wenige Fachbereiche der Medizin waren beispielsweise vor ein oder zwei Dekaden noch einer übergeordneten Fachrichtung zugeordnet, Internisten sind mittlerweile meist nicht nur Internisten, sondern haben sich mittels einer weiteren Fortbildung auf einen Teilaspekt dieses umfangreichen Faches spezialisiert und in den größeren deutschen Kliniken gibt es mehr und mehr Oberärzte, die fast nur noch ausschließlich für einzelne Teilaspekte ihres Fach oder gar einzelne Krankheitsbilder zuständig sind. Das ist auch gar nicht weiter dramatisch, sondern einfach nur Ausdruck einer Weiterentwicklung der Medizin. Viele Fächer sind durch zunehmenden Erkenntnisgewinn umfangreicher und unübersichtlicher geworden und die Spezialisierung damit nur folgerichtig.
Selbst wenn man einmal von dieser Spezialisierungstendenz der letzten Jahrzehnte absieht, so ist die Spezialisierung eine logische Folge der Medizinerausbildung, welche etwas vereinfacht so aussieht: Man studiert Medizin und sieht von allem etwas aber nichts davon wirklich umfassend, um dann eine Fachweiterbildung in einem bestimmten Fach zu machen. Wird man dann Jahre später mit einer Erkrankung konfrontiert, die einem in den Jahren seiner Fachweiterbildung so gut wie gar nicht untergekommen ist (weil sie eben üblicherweise von einer anderen medizinischen Disziplin behandelt wird), so ist man in aller Regel etwas ratlos, da man nur von seinem mittlerweile Jahre alten Studiumswissen zehren kann. So erklärt es sich, warum so manche Chirurgen beim Anblick von Hautausschlägen Weglauftendenzen entwickeln oder Internisten Schweißausbrüche beim Anblick einer Platzwunde. Ich persönlich übrigens habe regelmäßig Alpträume, in welchen ich in einem Flugzeug sitze und eine junge Stewardess den berühmten Satz “Ist hier irgendjemand Arzt?!?” ruft, um mich dann, nachdem ich fatalerweise die Hand gehoben habe, zu einer Frau in den Wehen zu rufen, wo ich doch in meinem Leben noch keine einzige Geburt erlebt habe…
Übrigens sind die Ärzte, die dem Bild des Alleskönners am nächsten kommen interessanterweise diejenigen, die von Patienten und ihren Kollegen gern mal nicht ganz für voll genommen werden und unter den Medizinern zu den schlechtbezahltesten gehören: Die Allgemeinmediziner.