22nd
Zwei-Klassen-Medizin?
Lange hat man nichts mehr von ihr gehört, man weiß nicht mal, ob es sie überhaupt noch gibt, ob es sie jemals gegeben hat, die Rede ist von der Zwei-Klassen-Medizin. Um mal ein wenig nachzuforschen, was es denn nun mit der Zwei-Klassen-Medizin auf sich hat, muss man zunächst einen kurzen Exkurs in den Aufbau der Krankenversicherung in Deutschland an sich unternehmen.
Prinzipiell kann man hier zwischen zwei verschiedenen Krankenkassensystemen unterscheiden: Der gesetzlichen Krankenversicherung, hierzu zählen beispielsweise die AOK, DAK, die BKKs, usw., und der privaten Krankenversicherung, welche von Versicherungskonzernen wie der Allianz, Axa, usw. angeboten werden.
Der privaten Krankenversicherung wird allgemein nachgesagt, sie biete die bessere medizinische Versorgung, was insofern zutrifft, als das hier oftmals die Übernahme von Kosten für neuere, weniger etablierte oder auch schlicht und einfach für Leistungen übernommen wird, deren Nutzen noch nicht hinreichend belegt ist. Außerdem erfahren die privat versicherten Patienten häufig eine aufmerksamere und zügigere Behandlung durch die Ärzteschaft, da sich mit der Behandlung von Privatpatienten deutlich mehr Gewinn erzielen läßt, als mit der Behandlung von Kassenpatienten.
Die gesetzliche Krankenversicherung hingegen finanziert nur die Leistungen, die im gemeinsamen Bundesausschuss durch Ärzte, Krankenhausträger, Krankenkassenvertretern sowie Patienten als sinnvoll und finanzierbar beschlossen werden.
Ist nun also der Versicherungsschutz der privaten Krankenversicherung tatsächlich so viel besser? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die oftmals zuvorkommendere Behandlung durch die Ärzte und die Chefarztbehandlung im Krankenhaus mag im ersten Moment ein Argument für die private Krankenversicherung sein, doch diejenigen, die täglich im Krankenhaus arbeiten, haben oft ein etwas anderes Bild: Nicht immer ist die Behandlung durch den Chefarzt derjenigen durch Assistenzärzte überlegen. Oft sind die Assistenten deutlich engagierter als der Chef und nehmen auch die Sorgen des Patienten ernster als ihr oberster Vorgesetzter. Ausserdem ist nicht selten auch der eine oder andere Oberarzt, unter dessen Aufsicht der Assistenzarzt ja “seine” Patienten betreut, kompetenter als der Chefarzt. Weiters, hier können vermutlich vor allem die Kollegen aus dem operativen Bereich zustimmen, ist mitnichten der Chefarzt stets der beste Operateur des Hauses. Fast etwas ketzerisch machte unlängst die Süddeutsche Zeitung darauf aufmerksam, dass die habilitierten Chefs, also diejenigen, bei denen ein “Prof.” oder “PD” vor dem Namen steht, oftmals natürlich nur deshalb habilitiert sind, weil sie eben nicht viel Zeit im Operationssaal, sondern vielmehr im Labor und am Schreibtisch verbracht haben, damit vor ihrem Namen jetzt das begehrte Kürzel steht.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass eine private Krankenversicherung nicht immer zur besten medizinischen Versorgung führt, ist die Psychosomatik. Während meines Studiums hat mir einmal ein Oberarzt dieser Fachrichtung anvertraut, dass die korrekte Diagnose eines psychosomatischen Leidens bei keiner anderen Patientengruppe so spät gestellt wird wie bei Privatpatienten. Der Grund dafür ist, dass die Diagnose einer solchen Erkrankung zunächst den Ausschluss eines rein körperlichen Leidens voraussetzt. Da aber gerade die (bildgebende) Diagnostik bei privat versicherten Patienten finanziell sehr lukrativ ist, werden diese erst einmal von Arzt zu Arzt geschoben werden, um auch wirklich jede denkbare Erkrankung auszuschließen und eventuell noch Zweitmeinungen einzuholen. Dies geschieht selbstredend ohne böse Absicht, aber festzuhalten ist sicherlich, dass wohl die meisten niedergelassenen Kollegen und Krankenhäuser gern Privatpatienten behandeln. Verdenken kann man´s ihnen kaum, ist ja auch finanziell lukrativer.
Schließlich ist die Privatversicherung mittlerweile auch finanziell auch für Besserverdiener nicht mehr so attraktiv, wie sie das vor Jahren noch war. Verglichen mit den Beiträgen der gesetzlichen Krankenversicherung sind die Beiträge der privaten Versicherer in den letzten Jahren in merkbar größerem Ausmaß gestiegen. Dies spiegelt sich auch in den Aussagen der Führungsetagen der Versicherungskonzerne im “Papier zur Lage der Krankenversicherungen” wider, welches im vergangenen Jahr der Bundesregierung vorgelegt wurde. Dort kommt man zu dem Schluß, dass die privaten Krankenvollversicherungen für die Versicherer zunehmend unattraktiver werden und man dort mit Zusatzversicherungen höhere Gewinne erzielen könne.
Diese Beispiele illustrieren, dass also nicht alles an der privaten Krankenversicherung nur eitel Sonnenschein ist. Trotzdem steht die private Krankenversicherung insgesamt für gute medizinische Versorgung in größerem Leistungsumfang, als ihn die gesetzliche Konkurrenz bietet. Hinzu kommt die oftmals zu beobachtende Vorzugsbehandlung, die natürlich auf die attraktivere Vergütung zurückzuführen ist: Wäre die Behandlung von gesetzlich Versicherten Patienten ebenso lukrativ wie die von Privatpatienten, dann wäre eine solche Ungleichbehandlung schnell vorüber.
Im Prinzip also keine Zwei-Klassen-Medizin? Alles schön? Soll sich doch jeder selbst überlegen, ob er sich lieber privat oder gesetzlich krankenversichert?
Falsch! Genau hier liegt das Problem: Privat versichern kann sich nämlich nicht jeder. Unabhängig vom Einkommen steht diese Option Selbstständigen und Beamten offen, alle anderen müssen erst einmal genug verdienen. Genauer gesagt müssen Angestellte mittlerweile die Grenze von 48600€ brutto jährlich überschreiten und das drei Jahre in Folge, erst dann winkt die Privatversicherung. Und hier liegt die große Ungerechtigkeit: Wer nicht genug verdient, der kann sich auch nicht aussuchen ob er sich privat versichern möchte. Sicher kann er zusätzlich zur gesetzlichen Krankenversicherung bei einem privaten Versicherungsunternehmen Zusatzversicherungen abschließen, aber unter Umständen wäre eine private Krankenversicherung preisgünstiger für ihn. Eine weitere Ungerechtigkeit klang bereits an: Privatpatienten erhalten ihre Therapie oftmals zügiger und werden bevorzugt behandelt, da sich sowohl viele niedergelassenen Ärzte als zahlreiche Krankenhäuser verstärkt darum bemühen möglichst hohe Fallzahlen an privat versicherten Patienten zu behandeln, um ihre Kosten zu decken und ihren Gewinn zu steigern.
Stellt sich die Frage, wie sich diese Ungerechtigkeiten beseitigen liessen? Einfach die Privatkassen für alle zu öffnen oder gar die gesetzliche Krankenversicherung zugunsten privater Versicherungen abzuschaffen scheint nur im ersten Moment attraktiv. Hierbei wird gern vergessen, dass bei Abschluss eine privaten Krankenversicherung eine Gesundheitsprüfung ansteht. Stellt sich hierbei heraus, dass der Patient beispielsweise an einer chronischen Krankheit leidet, so wird der Monatsbeitrag schnell recht teuer oder aber die Aufnahme des Patienten wird komplett verweigert. Wer versichert in einem solchen System behinderte Kinder? Wer Diabetiker oder Epileptiker?
Entgegen anders lautender Meinungen vermeintlicher Modernisierer, scheint also auch hier die Privatisierung sämtlicher Lebensbereich nicht immer eine bessere und gerechtere Gesellschaft hervorzubringen. Es gibt sensible Bereiche, die vermutlich besser in Staatshand bleiben. In England haben die Bürger genau dies schmerzhaft erfahren müssen: Kaum irgendwo in Europa ist Wasser so teuer, übrigens bei gleichzeitig völlig maroder Wasserversorgungsinfrastruktur, wie dank Privatisierung in England. Die Privatisierung der Bahn wurde dort im Rahmen mehrerer schrecklicher Unfälle sogar mit Menschenleben bezahlt.
Ist nicht auch unsere Gesundheit ein sensibler Bereich, den wir eventuell lieber in staatlich organisierter Hand lassen sollten? Warum also keine einheitliche Bürgerversicherung für alle? Hier müssten sich alle Einkommen an der Finanzierung eines für alle gleichwertigen Systems beteiligen und private Versicherer könnten Zusatzversicherungen für nicht abgedeckte Leistungen von der Unterwassergeburt bis zur Homöpathie anbieten.