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Ärzte-TÜV

Ein Gespenst geht um in der medizinischen Blogosphäre - das Gespenst des Bewertungsportals für Ärzte im Internet. Die AOK hätte gern so eines, andere Krankenkasse zeigen sich interessiert, Gesundheitspolitiker loben das Vorhaben, mehr Transparenz im Gesundheitssystem sei wünschenswert.

Von Seiten der Ärzteschaft sind freilich eher ablehnende Töne zu vernehmen. Eine objektive Bewertung sei kaum möglich, der Patient könne eine Therapie in aller Regel kaum auf ihre Richtigkeit überprüfen und ein anonymes Bewertungssystem leiste einem Missbrauch Vorschub.

Die Aufregung scheint jedoch etwas übertrieben, bedenkt man, dass Bewertungsportale im Internet, auch und gerade für Ärzte, bereits existieren. Bislang sind diese jedoch weder durch Missbrauch oder grandiose Transparenz auffällig geworden. Die Wahrheit liegt also scheinbar irgendwo zwischen den Argumenten der Befüworter und denen der Gegner.

Eine wichtige Frage scheint mir, was man überhaupt für Erwartungen an ein solches Portal stellt. Der Begriff Ärzte-TÜV, der aktuell in den Medien kursiert, suggeriert hier womöglich eine objektive Prüfung der Ärzte durch Fachleute. Jedoch bietet ein Bewertungsportal lediglich Patienten die Möglichkeit ihre persönliche Meinung über den von ihnen konsultierten Arzt zu dokumentieren, höchstwahrscheinlich in Form vorformulierter Fragen, die der Patient abarbeitet. Eine tatsächlich objektive Bewertung der Behandlungsqualität dürfte kaum möglich sein; übrigens gilt dies zumindest teilweise auch für Mediziner. Gehe beispielsweise ich zum Dermatologen, also sprich einem Facharzt für einen Bereich zu dem mein Wissen doch recht übersichtlich ist, fällt selbst mir es recht schwer, die gestellte Diagnose und Behandlung objektiv einzuschätzen, oblgleich ich ja qua meines derzeitigen Wissensstandes sowas wie ein ambitionierter Amateur in der Medizin bin.

Aber ist die Behandlungsqualität tatsächlich das entscheidende Kriterium, nach dem ein Patient seinen Arzt weiterempfiehlt? Schaut man sich einmal das Bewertungsportal Qype an, mit dessen Hilfe so ziemlich alles durch vom Rezensenten frei verfasste Texte bewertet wird was sich der moderne Konsument vorstellen kann, so finden sich auch hier nicht wenige Einträge zu Ärzten. Allen gemein ist, dass hauptsächlich die Wartezeit und die Freundlichkeit, also der Umgang mit dem Patienten als Qualitätskriterien herangezogen werden. Man mag das als Mediziner zunächst vielleicht etwas verwunderlich finden, da man vermutlich etwas anders auf die Suche nach einem kompetenten Kollegen geht, aber die Patientenrealität scheint wohl eher wie soeben geschildert auszusehen.

Was aber ist nun mit der häufig zititerten Missbrauchsgefahr? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe mich eben einmal in einem Bewertungsportal für Ärzte (namentlich hier) umgeschaut und probehalber einmal nach einem Orthopäden gesucht, den ich bereits häufiger konsultiert habe. Nachdem ich einmal alle vorhandenen Bewertungen quer gelesen hatte, vermittelte sich mir interessanterweise ein ähnliches Bild, wie ich es aus meinen Besuchen bei jenem Kollegen auch hatte (fachlich gut, menschlich mies). Das Portal scheint also nach dieser, zugegebenermaßen oberflächlichen, Betrachtung recht gut zu funktionieren. Vielleicht sollte man einfach einmal mehr Vertrauen in die Patienten (und die Kollegen) haben, Vertrauen dass ein solches Portal mit Verantwortung genutzt wird. Ein aktuelles Beispiel mag da das Lehrer-Bewertungsportal spickmich.de sein, zu dessen Gunsten gestern der Bundesgerichtshof urteilte. Wobei ich es gar nicht für so interessant halte, dass die Bewertung von Lehrern im Internet aller Unkenrufe der Pädagogen und der CDU zum Trotze rechtmäßig ist, sondern auf ein interessantes Detail am Rande hinweisen möchte: Mehr als zwei Drittel aller dort bewerteten Lehrer wurden nach Schulnotensystem mit einer Zwei oder gar einer Eins benotet. Ein vernünftiger Umgang mit einem solchen Portal ist also dem überwiegenden Teil der Nutzer zu unterstellen und das obwohl es sich zu einem großen Teil um pubertierende Jugendliche handeln dürfte.

Schließlich sollte man also der AOK ruhig ihr Spielzeug lassen, man sollte sie vielleicht nur darauf hinweisen, dass aus einem solchen Portal vermutlich nie ein objektiver Ärzteratgeber in Bezug auf die Behandlungsqualität werden wird. Als kleine Hilfe für mündige Patienten ist´s aber vielleicht doch ganz sinnvoll.

Aber über seinen als Mediziner reflexhaft auftretenden Abwehr-Schatten muss man dann eben einmal springen.

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